Verband der Deutschen Aussenwirtschaft

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CSU-Chef will massive Entlastung des Mittelstandes PDF Print E-mail
Written by thomas.jaeger   
Wednesday, 01 May 2019 00:35
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München (dts Nachrichtenagentur) - Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder (CSU) hat eine massive Entlastung des Mittelstandes gefordert. "Ohne schwarzzumalen: Die Wirtschaft wird langsam schwächer. Die internationalen Bedingungen leisten dem Vorschub, und in Deutschland leiden wir unter der Auseinandersetzung um unsere wichtigste Leitindustrie, der Automobilität", sagte Söder der "Welt am Sonntag".

Berlin solle daher nicht warten, bis es Notmaßnahmen für die Konjunktur leisten müsste. "Jetzt brauchen wir klare Anreize für weitere Investitionen in Deutschland. Dazu braucht es eine andere Steuerpolitik. Der Mittelstand muss entlastet werden. Dazu gehört es, den Soli vollständig abzubauen, die Unternehmenssteuer deutlich zu senken und eine Grundsteuer zu beschließen, die nicht zu einer massiven Steuererhöhung führt. Käme dann noch die steuerliche Förderung für Forschung und Entwicklung hinzu, wäre das ein starkes Signal für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland", so der bayerische Ministerpräsident weiter.

Zwar sei ein Teil dieser Forderungen Beschlusslage der Koalition, "aber bisher ist nichts davon umgesetzt". Der Solidaritätszuschlag solle nur für 90 Prozent der Bürger abgeschafft werden. Danach würde jeder mit einem zu versteuernden Einkommen von 61.000 Euro weiter Soli zahlen.

"Da habe ich verfassungsrechtliche Zweifel", so der CSU-Chef. Es brauche einen "klaren Kurswechsel in der Steuerpolitik". Bayerns Ministerpräsident schlägt vor, die Unternehmenssteuer um fünf Prozentpunkte zu reduzieren. "Das sollte dadurch geschehen, dass die Gewerbesteuer zumindest teilweise auf die Körperschaftsteuer angerechnet werden kann. Das hätte den Vorteil, dass wir international wieder auf ein vernünftiges Maß an steuerlicher Belastung kommen. Durch die massive Senkung der Unternehmenssteuer in Frankreich und in den USA hat Deutschland automatisch wieder einen der höchsten Unternehmenssteuersätze in der Welt", sagte Söder der "Welt am Sonntag".

 
GroKo will Meisterpflicht im Handwerk wieder stärken PDF Print E-mail
Written by thomas.jaeger   
Tuesday, 23 April 2019 10:17
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Berlin (dts Nachrichtenagentur) - Die Regierungskoalition will die Meisterpflicht im Handwerk wieder stärken. Dazu soll die Handwerksreform aus dem Jahr 2004 in Teilen rückabgewickelt werden, berichtet das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (Dienstagsausgaben) unter Berufung auf Koalitionskreise. 2004 war für 53 von 94 Handwerksberufen der Meisterzwang abgeschafft worden.

SPD und Union wollen es einzelnen Gewerken ermöglichen, die Meisterpflicht wieder einzuführen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat jetzt für eine solche Reform grünes Licht gegeben. "Die Wiedereinführung der Meisterpflicht könnte grundsätzlich sowohl verfassungsrechtlich, als auch europarechtlich gerechtfertigt werden", heißt es in einem Brief aus dem Wirtschaftsministerium an die Fraktionsspitzen, über den die RND-Zeitungen berichten.

Allerdings gebe es Einschränkungen. "Verfassungsrechtlich ist eine Rechtfertigung des Eingriffs in die Berufsfreiheit nur mit einem tragfähigen Gemeinwohlgrund und nur im Einklang mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit möglich", heißt es in dem Schreiben. Neben dem Schutz von Leben und Gesundheit könnten auch Gemeinwohlbelange wie Ausbildungssicherung, Verbraucherschutz, Qualitätssicherung und Mittelstandsförderung zur Rechtfertigung herangezogen werden, so das Ministerium.

Politiker von SPD und Union begrüßten die Entscheidung. "Die Koalition hat ein klares Ziel: die Stärkung des Meisterbriefs. Das ist unser Garant für Stabilität und Qualität im Handwerk", sagte Carsten Linnemann, Fraktionsvize der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

"Das Bundeswirtschaftsministerium hat uns jetzt bestätigt, dass wir einige Gewerke rechtssicher wieder in die Meisterpflicht holen können. Wir werden den rechtlichen Spielraum voll ausschöpfen", kündigte Linnemann an. "Unser Ziel ist, für bessere Qualität und mehr Ausbildung im Handwerk zu sorgen", sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol. Dazu werde man nun die nächsten Schritte einleiten. "Bevor das Gesetz geschrieben wird, wird das Bundeswirtschaftsministerium alle Gewerke anhören, die 2004 aus der Meisterpflicht gefallen sind. Danach wird entschieden", fügte Bartol hinzu. Zu den betroffenen Gewerken gehören unter anderem Fliesenleger, Metallgießer, Gebäudereiniger und Lichtreklamehersteller. In einigen Branchen sind seit dem Wegfall der Meisterpflicht Qualitätsprobleme aufgefallen, in anderen ging die Zahl der Ausbildungsbetriebe stark zurück. Diesen Problemen will die Koalition mit ihrer Reform entgegenwirken.

 
Mittelstand fürchtet wachsende Europaskepsis PDF Print E-mail
Written by thomas.jaeger   
Tuesday, 23 April 2019 10:12
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Berlin (dts Nachrichtenagentur) - Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), sorgt sich um eine wachsende Europaskepsis. Dies mache ihm "große Sorge", sagte Ohoven T-Online.de. "Es reicht nicht aus, den Menschen nur die wirtschaftlichen Vorteile der EU in Euro und Cent vorzurechnen, wir müssen vielmehr ihre Herzen erreichen".

Europa ermögliche dem Mittelstand und jedem Bürger ein nie zuvor gekanntes Maß an Freiheiten. Allerdings mache es Brüssel seinen Kritikern leicht, wenn immer wieder gegen das Prinzip der Subsidiarität verstoßen werde, so der BVMW-Präsident. Es müsse endlich "Schluss sein mit den teils offenen, teils verdeckten Versuchen einer Vergemeinschaftung der Schulden oder der Einführung einer europäischen Arbeitslosenversicherung", fordert Ohoven.

Dies führe nicht zu einer wirtschaftlichen Stärkung hoch verschuldeter Mitgliedsländer, sondern direkt in eine Transferunion. Auch sollten Banken nicht auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden. "Stattdessen sollten die Aktionäre und Bankengläubiger in die Pflicht genommen werden."

 
Schwierige Nachfolger-Suche gefährdet Millionen Arbeitsplätze PDF Print E-mail
Written by thomas.jaeger   
Tuesday, 23 April 2019 10:15
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Kleine und mittelgroße Unternehmen bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber vielen fehlt ein Nachfolger für den Chef. Das wird zum Problem für die Volkswirtschaft – und gefährdet Millionen Arbeitsplätze.

Von der Rente wollen viele Unternehmer in Deutschland nichts wissen. Sie sind bis ins hohe Alter voller Tatendrang. Der Schrauben-Unternehmer Reinhold Würth beispielsweise ist schon 83 und mischt immer noch im operativen Geschäft mit. Auch Erich Sixt ist mit Mitte 70 noch als Vorstandsvorsitzender seines Mietwagenanbieters aktiv. Doch irgendwann kommt für jeden Gründer und Firmeninhaber die Zeit, in der er sich zur Ruhe setzen muss.

In einer mittelständisch geprägten Volkswirtschaft wie der deutschen versuchen die meisten Unternehmer zunächst, den Betrieb in der eigenen Familie zu halten. Doch angesichts der demografischen Entwicklung wird genau dies immer schwieriger. Die Zahl der Kinder in Deutschland ist seit den Sechzigerjahren stark gesunken – und damit auch die Zahl der potenziell verfügbaren Nachfolger. Wie groß dieses Problem inzwischen gerade für den Mittelstand ist, machen in der Breite jetzt erstmals Zahlen der Research-Abteilung der KfW-Bankengruppe deutlich, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) analysiert hat.

Der Auswertung zufolge gingen bereits vergangenes Jahr 16 Prozent aller kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hierzulande davon aus, dass ihr Betrieb geschlossen werden muss, wenn sich Chef oder Chefin in den Ruhestand verabschieden. Das sind bundesweit immerhin 600.000 Betriebe. Die Zahlen zeigen zudem, dass sich der Nachwuchsmangel ausweitet. Ein Jahr zuvor hatte die erwartete Schließungsquote erst 14 Prozent betragen. „Das könnte ein Hinweis auf die zunehmenden Schwierigkeiten sein, einen geeigneten Nachfolger zu finden“, sagt IW-Ökonom Klaus-Heiner Röhl.

Und während viele der erfahrenen Unternehmer hierzulande kurz vor der Rente stehen, wird es zugleich immer schwieriger, junge Menschen für das Unternehmertum zu begeistern. „Zum einen ist bereits mehr als jeder fünfte Firmeninhaber älter als 60 Jahre, und zum anderen gibt es in Deutschland immer weniger Menschen, die sich selbstständig machen wollen“, stellt Röhl fest.

Ein Problem für Millionen Mitarbeiter

Und das hat auch Folgen für die Angestellten: Schließlich geben die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland mehr als 31 Millionen Menschen Arbeit, das sind gut 70 Prozent aller Beschäftigten hierzulande. Nach der Erhebung der KfW-Bankengruppe gehören 99,95 Prozent aller deutschen Firmen zu den KMU. Dazu zählt die KfW alle Betriebe mit einem Jahresumsatz von weniger als 500 Millionen Euro. „Die meisten der knapp 3,8 Millionen Unternehmer und Selbstständigen führen Firmen von deutlich kleinerem Kaliber“, betont Röhl. Von diesen Mittelständlern haben 87 Prozent einen Jahresumsatz von weniger als einer Million Euro, und 81 Prozent beschäftigen weniger als fünf Arbeiter oder Angestellte.

Das Nachfolgeproblem wird nicht nur größer, sondern auch immer drängender: Von den 1,4 Millionen Unternehmern, die sich bereits Gedanken über ihren Ruhestand gemacht haben, planen 227.000 eine Übergabe bis Ende 2020. Den Zahlen zufolge haben jedoch 36.000 dieser Betriebe bislang lediglich Informationen gesammelt oder sich noch gar nicht um das Thema gekümmert. Ihnen wird es daher wahrscheinlich kaum noch gelingen, rechtzeitig einen Nachfolger zu finden. Die Übergabe eines Betriebs ist organisatorisch und rechtlich derart anspruchsvoll, dass der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) eine Vorbereitungszeit von mindestens drei Jahren empfiehlt.

Auch andere Experten raten Unternehmern, lieber früher als später mit der Nachfolgeplanung zu beginnen. „Die Übergabe ist gerade bei Familienunternehmen viel komplexer, als es aussieht“, sagt Steffen Gräff, Senior Client Partner bei der Beratungsgesellschaft Korn Ferry. Es gebe Unternehmen, in denen das gut funktioniere, aber eben auch Gegenbeispiele. „Besonders hart sind Fälle, in denen es keine Kinder gibt, oder wenn der Nachwuchs nicht ins eigene Unternehmen strebt.“

Besonders kleine Handwerksbetriebe haben es schwer

Ob eine Nachfolgeplanung außerhalb der Familie sinnvoll ist, hängt auch von der Größe des Unternehmens ab. Gerade bei kleineren Betrieben führt das Fehlen eines Erben, der in die Fußstapfen des Vaters oder der Mutter treten will, häufig zur Schließung. Das gilt insbesondere für Handwerksbetriebe, die vom Wissen und Geschick und nicht zuletzt den persönlichen Verbindungen des Meisters profitieren. Scheidet der aus dem Unternehmen aus, gibt es häufig keine Zukunft mehr. Nicht nur, weil die Zahl derjenigen, die überhaupt infrage kommen, immer kleiner wird. Sondern weil viele gut ausgebildete junge Leute auf dem Arbeitsmarkt häufig bessere Alternativen zur Selbstständigkeit vorfinden.

Mehr als 40 Prozent der Eigentümer solcher Kleinstunternehmen wollen laut der Kfw-Recherche mit ihrem Ruhestand das Geschäft aufgeben. Anders sieht es bei größeren Firmen mit mehreren Hundert Mitarbeitern aus. Betrachtet man die Firmen mit 10 bis 49 Beschäftigten, sagen nur sieben Prozent, dass sie eine Aufgabe des Unternehmens in Betracht ziehen. Und für Chefs von Mittelständlern mit 50 oder mehr Beschäftigten ist die Stilllegung de facto keine Option – laut KfW ziehen das nur zwei Prozent in Erwägung. „Aufgrund der hohen Zahl an betroffenen Mitarbeitern wären diese Fälle aber volkswirtschaftlich besonders schmerzlich“, merkt Röhl an.

Größere mittelständische Unternehmen verfügen bei der Nachfolgeplanung allerdings auch über mehrere Wahlmöglichkeiten, beispielsweise über die, dass eine Beteiligungsgesellschaft einsteigt: „Wenn es keinen Nachfolger gibt, dann ist eine Übernahme durch eine Private-Equity-Gesellschaft eine der wahrscheinlichsten Optionen“, erklärt Gräff. Die bevorzugte Nachfolgelösung der deutschen Mittelständler ist zwar weiterhin ein Generationswechsel innerhalb der Familie. Die Befragung zeigt jedoch eine deutliche Verschiebung der Präferenzen: Wollten 2017 noch 54 Prozent der Senior-Chefs ihr Unternehmen an ein Familienmitglied übergeben, waren es 2018 nur noch 45 Prozent. Dabei ist es nicht immer so, dass der Eigentümer oder die Eigentümerin keine eigenen Kinder hat, häufig haben diese schlicht andere Lebensziele.

„Rein numerisch mangelt es in Deutschland nicht an Nachwuchs. Das Problem ist eher, dass die Kinder von Unternehmerfamilien immer öfter nicht an einer Nachfolge im aktiven Management interessiert sind“, sagt Gräff. Das sei statistisch belegbar und komme in der Praxis immer häufiger vor. „Früher hat man gar nicht groß gefragt. Da hat man einfach übernommen“, erinnert sich der Berater. Das hat sich inzwischen aber geändert.
Viele junge Leute wollen nicht zurück in die Provinz

Hinzu kommt noch ein weiteres Phänomen. Hat der Nachwuchs in der Stadt studiert, wollen die potenziellen Nachfolger häufig nicht zurück in die Provinz. So mancher Unternehmer hat sich daher dafür entschieden, den Firmensitz in die Großstadt zu verlegen und zum eigenen Betrieb zu pendeln. Die Verlagerung der Firma bedeutet eine große Umstellung, kann aber auch Vorteile haben – im Sinne dessen, was Berater „Employer Branding“ nennen, also Weiterentwicklung der Arbeitgebermarke.

„Top-Talente gehen nicht mehr unbedingt in die Provinz. Solche Leute sind gefragt und handeln sich dann eher Homeoffice-Lösungen aus, anstatt – wie früher – wider Willen umzuziehen“, sagt Korn-Ferry-Experte Gräff. Die nächste Generation wisse das Leben in der Stadt sehr zu schätzen. Das sei auch bei der Nachfolgeplanung zu bedenken. Eines gelte es dennoch nicht aus den Augen zu verlieren: „Der Nachwuchs hat oft das Unternehmer-Gen. Das haben Unternehmerkinder oft in der DNA, es liegt in der Familie.“

Vertreter von familiengeführten Unternehmen machen angesichts der sich zuspitzenden Problematik darauf aufmerksam, dass auch die Politik ihren Beitrag leisten kann. „Familienunternehmen stehen für 60 Prozent der Beschäftigung in unserem Land. Es liegt im volkswirtschaftlichen Interesse, die Nachfolge von starken Familienunternehmen zu ermöglichen“, erklärt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Die Politik solle neue und bestehende Regeln stets daraufhin überprüfen, ob diese den Prozess positiv oder negativ beeinflussen könnten, egal, ob es sich nun um Familienrecht, Vormundschaftsrecht, Bewertungsrecht oder Steuerrecht handele.

 
Expertin: "Mittelstand wird deutlich unterschätzt" PDF Print E-mail
Written by thomas.jaeger   
Tuesday, 23 April 2019 10:09
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Eine nationale Industriestrategie sollte viel deutlicher die Interessen der kleineren und mittelgroßen Unternehmen berücksichtigen als bisher geplant, sagt die Ökonomin Friederike Welter im DW-Gespräch.

Deutsche Welle: Wenn von der deutschen Wirtschaft die Rede ist, fallen schnell die Namen großer Konzerne wie Siemens, Bayer, Thyssen-Krupp oder VW. Für die vielen mittelständischen Unternehmen bleibt dann kaum noch Zeit. Wie sehr ärgert Sie das?

Friederike Welter: Das ärgert mich schon ziemlich. Vielleicht auch deswegen, weil der Mittelstand und die Mittelstandsforschung seit fast 30 Jahren meine Passion sind und nicht nur mein Beruf. Ein Teil der mittelständischen Unternehmen ist allerdings auch unbekannt. Wir kennen einige aus dem täglichen Leben, wenn wir beispielsweise zum Bäcker gehen oder zum Friseur um die Ecke. Aber was den industriellen Mittelstand angeht, sind die meisten Namen unbekannt.

Jetzt kommt der Bundeswirtschaftsminister und sagt: "Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr staatliche Zuwendung verdient es." Diese Meinung vertritt - verkürzt gesagt - Peter Altmaier in seiner nationalen Industriestrategie. Darüber ist eine heftige Diskussion entbrannt. Welcher Meinung sind Sie?

Ich bin der Meinung, dass die nationale Industriestrategie die Rolle und die Bedeutung des Mittelstandes deutlich unterschätzt. Das hat mich schon überrascht, als ich den Entwurf gelesen und auch die Reaktionen gesehen habe. Mittlerweile gibt es mehr und mehr Stimmen, die sagen, vergesst aber bitte nicht den Mittelstand. Zu Recht, denn mit der bisherigen Fassung der Nationalen Industriestrategie wird ein Bild vermittelt: groß gleich super. Und das sehe ich ein bisschen anders.

Europäische Champions wie Airbus sollen laut Minister Altmaier Vorbilder sein bei der Förderung von Unternehmen. Den Hidden Champions, das sind die vielen mittelständischen Weltmarktführer aus Deutschland, traut der er anscheinend nicht allzu viel zu. Haben Sie dafür eine Erklärung oder zumindest eine Vermutung?

Ich habe zwei Vermutungen. Schon der Name sagt es ja: Hidden Champions, das sind die 'versteckten Champions', also diejenigen, die in unserem Bewusstsein und auch in den Medien kaum auftauchen. Warum sieht man sie nicht? Viele von diesen Hidden Champions sind im sogenannten B2B-Geschäft unterwegs, also im Business to Business Bereich. Das heißt, sie sind zwar Weltmarkt- und auch Technologieführer, aber in Branchen, die uns im täglichen Leben nicht berühren.

Wir kennen Google, wir kennen Apple, wir kennen Amazon, weil die meisten von uns Bücher online kaufen, weil man ein iPhone hat, weil man im Netz mit Google sucht. Das sind direkte Anwendungen im täglichen Leben. Bei den Hidden Champions ist das in der Regel nicht so.

Meine zweite Vermutung: Für die Großunternehmen ist die Lobby wesentlich größer und lauter als für die kleineren.

Dabei sind Sie aber auch der Ansicht, dass Größe im Unternehmensbereich wichtig ist, nur in einem anderen Sinne. Bitte erläutern Sie, wie Sie das meinen.

Für mich ist Größe nicht gleichbedeutend mit der Anzahl der Beschäftigten oder mit Milliardenumsätzen. Für mich bedeutet Größe, welchen Markt ein Unternehmen bedient und ob es dabei tatsächlich eine Markt- oder eine Technologieführerschaft hat. Das können durchaus auch kleine Unternehmen sein.

Als ich im Entwurf der Industriestrategie gelesen habe, dass wir jetzt große europäische Champions oder auch deutsche Champions kreieren sollten, hatte ich dieses Bild vor Augen: Die gibt es aber doch schon! Es gibt sie halt im Kleinen und im Verborgenen.

Ich fühlte mich so ein Stück weit zurückversetzt in die 1970er Jahre. Damals glaubte man, die Kleinen sind deswegen klein, weil sie noch nicht groß werden konnten. Heute wissen wir, die Kleinen sind klein, dennoch haben sie ihre eigenen Stärken.

Ich zitiere die amerikanische Zeitschrift Businessweek, die der deutschen Wirtschaft in ihrer aktuellen europäischen Ausgabe eine ausführliche Titelgeschichte widmet. Das Gesamturteil ist vernichtend. Der deutschen Wirtschaft insgesamt wird kein gutes Zeugnis ausgestellt. Als Lichtblick bezeichnet wird lediglich der "Mighty Mittelstand", also der "Mächtige Mittelstand" in Deutschland. Können Sie dieses Urteil nachvollziehen?

Das kann ich gut nachvollziehen, wobei man nicht vergessen darf, dass unsere Wirtschaft zu einem ganz großen Teil aus dem Mittelstand besteht. Aber wenn wir beispielsweise an den Dieselbetrug oder andere Skandale denken: Überlegen Sie mal, welche Unternehmen dahinter stecken. Es sind die Großunternehmen. Groß bedeutet unter Umständen auch, dass die Governance im Unternehmen nicht mehr funktioniert, dass die linke Hand nicht mehr weiß, was die rechte tut.

Das gibt es im Mittelstand zwar auch, aber nie so ausgeprägt wie in einem Großunternehmen. Kleine Unternehmen haben flachere Hierarchien und sind deshalb transparenter.

Dabei darf man nicht vergessen, dass der Mittelstand viel mehr Menschen beschäftigt. Können Sie Zahlen nennen?

Wir haben so ungefähr 44 Millionen Beschäftigte in Deutschland. 31 Millionen davon arbeiten in mittelständischen Unternehmen. Unter mittelständischen Unternehmen verstehen wir in erster Linie Betriebe mit bis zu 500 Beschäftigten.

Aber wir haben noch ein anderes Kriterium: Ein mittelständisches Unternehmen zeichnet sich auch dadurch aus, dass es Eigentümer geführt ist. Das kann eine Familie sein, es können aber auch Partner sein. Es gibt viele größere Familienunternehmen, die über die genannten Beschäftigtenzahlen hinausgehen, die sich aber noch als Mittelstand fühlen. Denn sie haben das Gefühl, das Mittelstand etwas Besonderes ist.

Insgesamt generiert der Mittelstand ungefähr 35 Prozent des gesamten Umsatzes in Deutschland und 53 Prozent der Netto-Wertschöpfung aller Unternehmen. Im Mittelstand arbeiten knapp 60 Prozent aller mit Sozialversicherungsnummer gemeldeten Mitarbeiter und sogar 82 Prozent aller Auszubildenden. Ich würde mal sagen, das sind tolle Zahlen.

Wie sollte Ihrer Meinung nach eine gemeinsame europäische Industriestrategie aussehen und wie müsste eine deutsche Industriestrategie ausgestaltet sein, die einer europäischen vorausgeht.

Vielleicht fangen wir mit dem zweiten Teil der Frage an. Es gibt zunehmend mehr Dienstleistungen, der Industrie-Anteil nimmt langsam, aber stetig ab. Landwirtschaft spielt sowieso eine vernachlässigbare Rolle. Das heißt, wir ändern uns zu einer mehr dienstleistungsbetriebenen Wirtschaft. Und auch innerhalb der Industrie verändern sich die Dinge.

Die Industrie ist heutzutage viel mehr wissensgetrieben. Da zählt nicht mehr derjenige, der im Blaumann am Förderband steht oder Dinge zusammenschraubt, sondern jemand, der am Förderband steht und auf einen Knopf drückt, aber genau weiß, was er da macht oder programmiert. Der Wissensanteil wird in der Industrie immer größer. Wir reden hier von künstlicher Intelligenz und zunehmender Digitalisierung. Das muss in der Diskussion berücksichtigt werden.

Der deutsche Mittelstand ist ja oft auch Technologieführer. Es gibt eine ganze Reihe von Start-ups mit spannenden Geschäftsmodellen und Ideen. Die müssten in einer deutschen Industriestrategie einen deutlich größeren Rahmen finden als bislang im Entwurf des Bundeswirtschaftsministers.

Das Ganze müsste dann auf eine europäische Ebene übertragen werden. Dann wird es sicherlich schwierig?

Allerdings, zumal ja die europäischen Partnerländer in Punkto Mittelstand nicht so gut aufgestellt sind. Jedes Land hat dafür eigene Stärken. Unsere Stärken sind der Mittelstand und das Nebeneinander von Groß und Klein.

Italien beispielsweise hat einige industrielle Cluster, ist aber ganz anders aufgestellt als Deutschland.

Die südeuropäischen Länder sind sehr viel mehr auf Tourismus ausgerichtet. Frankreich hat eine sehr zentralistisch orientierte Industrie. Schweden hat eine spannende Start-up-Szene. Diese Aufzählung könnte man fast endlos fortsetzen und spezifizieren.

Im Prinzip muss jedes Land erstmal sagen, wo es sich eigentlich in Zukunft sieht. Da kann Deutschland nicht kommen und sagen, wir haben jetzt unsere Industriestrategie und stülpen die Europa über.

Das Gespräch führt Klaus Ulrich.

Friederike Welter führt seit 2013 das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn als hauptamtliche Präsidentin. Daneben lehrt sie Allgemeine BWL an der Universität Siegen, insbesondere das Management kleiner und mittlerer Unternehmen und Entrepreneurship. Für ihr wissenschaftliches Werk wurde die Professorin im August 2017 mit dem Greif Research Impact Award ausgezeichnet. Mit dem renommierten Preis werden jährlich wissenschaftliche Beiträge gewürdigt, die in hochrangigen Management- und Entrepreneurship-Zeitschriften erschienen sind und innerhalb von sechs Jahren am häufigsten zitiert wurden. Die Auszeichnung wird jährlich von der University of Southern California, Greif Center for Entrepreneurial Studies, vergeben. Welter ist sowohl Mitglied im Mittelstandsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums als auch in dem der NRW-Landesregierung und gehört zu den einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlern in Deutschland.

 
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