Verband der Deutschen Aussenwirtschaft

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Ost-Ausschuss der AHK: „Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: c.rogler   
Freitag, den 19. Februar 2016 um 20:02 Uhr

(ahk.de) Die Befürchtungen der deutschen Unternehmen vor einer Abwendung Russlands von der EU Richtung China haben deutlich abgenommen. Dies ist eines der Ergebnisse der jährlichen Geschäftsklima-Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). Die Umfrageergebnisse stellten der neue Ost-Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Büchele und der Präsident der AHK Rainer Seele am Freitag im Vorfeld der Deutsch-Russischen Mittelstandskonferenz in Berlin vor.

Nur noch 15 Prozent der 152 befragten deutschen Unternehmen mit Russland-Geschäft meinen, dass China sich zum bevorzugten Wirtschaftspartner Russlands entwickelt. Im Vorjahr waren noch fast 50 Prozent dieser Ansicht. Die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass sowohl die EU als auch China für Russland wichtige Wirtschaftspartner bleiben. Fast ein Fünftel erwartet inzwischen sogar, dass die EU der bevorzugte Partner Russlands bleibt.

„Russland orientiert sich wieder mehr nach Europa. Der Wille zur Erneuerung der Partnerschaft nimmt zu. Wir hoffen, dass kluge Politik diese Signale aufnimmt und noch stärker auf gemeinsame Lösungen hinarbeitet, die wir für wirtschaftliches Wachstum und die Entschärfung einer Vielzahl von Konflikten dringend brauchen“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Büchele in Berlin.

Ziel: Gemeinsamer Wirtschaftsraum

Büchele und Seele warben nachdrücklich für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion, um auch den Ukraine-Konflikt zumindest wirtschaftlich zu entschärfen und den Zerfall Europas in konkurrierende Wirtschaftsblöcke zu verhindern. Drei Viertel der befragten Firmen beurteilen die Vision eines Wirtschaftsraums „von Lissabon bis Wladiwostok“ positiv. „Es liegt auf der Hand, dass die deutsche Wirtschaft, die so stark auf Export orientiert ist, an freien und offenen Märkten und an gleichberechtigter Zusammenarbeit starkes Interesse hat. Russland war, ist und bleibt ein strategischer Wirtschaftspartner für Deutschland. Wir sollten deshalb die Modernisierungspartnerschaft unbedingt wieder zum Leben erwecken und alles tun, um zu einem Freihandelsraum vom Atlantik bis zum Pazifik zu kommen“, so AHK-Präsident Seele.

 

Wirtschaftlich steht den deutschen Unternehmen in Russland nach ihrer Einschätzung ein weiteres Krisenjahr bevor. Bereits im Vorjahr beobachteten 94 Prozent der befragten Unternehmen eine Verschlechterung des Geschäftsklimas. Für 2016 erwarten 82 Prozent der Befragten eine negative oder leicht negative Entwicklung der russischen Wirtschaft. Diese skeptischen Aussichten beeinträchtigen auch die Exporterwartungen: 57 Prozent der befragten Unternehmen gehen für 2016 von weiter rückläufigen Ausfuhren nach Russland aus.

„Um das Positive voran zu stellen: Die Erwartungen für dieses Jahr sind schon besser als für 2015. Nichtsdestotrotz befindet sich Russland in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, die auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hat. Wir beobachten aber mit großer Erleichterung, dass sich das Gesprächsklima, die Gesprächsbereitschaft und der Wille zur Kooperation wieder deutlich verbessert haben“, so Seele.

Starker Einbruch des bilateralen Handels

Im Gesamtjahr 2015 ist der deutsch-russische Handel im vergangenen Jahr um ein Viertel gesunken. Die deutschen Exporte nach Russland brachen dabei um über 7,5 Milliarden Euro (-25,5%) ein. „Gemessen am bisherigen Rekordjahr 2012 hat sich der deutsche Export in den vergangenen drei Jahren von 38 Milliarden auf rund 21 Milliarden Euro fast halbiert“, kommentiere Büchele. Hinzu kämen 2015 weitere starke Einbrüche auch bei den Exporten in die Ukraine (-18 Prozent), Kasachstan (-27 Prozent) und weitere Länder der Region. Derzeit gebe nur der Handel mit Südosteuropa Anlass zur Freude: So legten die deutschen Exporte mit den jungen EU-Ländern Rumänien (+13 Prozent) und Kroatien (+16 Prozent) deutlich zu.

Kritik an Sanktionen nimmt weiter zu

Bezüglich der seit Sommer 2014 zwischen EU und Russland bestehenden Wirtschaftssanktionen wächst unter den befragten Unternehmen die Ungeduld: 60 Prozent plädieren für die sofortige Aufhebung der Sanktionen, weitere 28 Prozent fordern deren schrittweisen Abbau. Nur zwölf Prozent sehen einen Anlass zur Beibehaltung der Sanktionen. Vor einem Jahr hatte dieser Wert noch bei 24 Prozent gelegen.

„Die Aufhebung der gegenseitigen Sanktionen würde die russische und die ukrainische Wirtschaft nicht über Nacht beleben können“, sagte Büchele: „Aber dieses Signal könnte zu einem erheblichen Investitionsschub in ganz Osteuropa zu führen. Die Sanktionsspirale der vergangenen beiden Jahre hat die Unternehmen nachhaltig verunsichert, Investitionen liegen auf Eis. Wir hoffen daher, dass wir spätestens im Sommer 2016 einen Einstieg in den Ausstieg aus den Wirtschaftssanktionen sehen werden.“

Besorgt zeigte sich Büchele bezüglich der Wirtschaftsentwicklung in der Ukraine: „Das Reformtempo lässt nach, die Exporte der Ukraine in die EU springen trotz des Assoziierungsabkommens nicht an, gleichzeitig bricht der ukrainische Export nach Russland aufgrund wechselseitiger Sanktionen massiv ein“, so Büchele. „Deshalb halten wir dringend eine Wiederaufnahme des im Dezember abgebrochenen Trialogs zwischen der EU, Russland und der Ukraine über gemeinsame wirtschaftliche Lösungen für notwendig.“

(Bild: Helga Hauke/pixelio.de)

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 19. Februar 2016 um 20:03 Uhr